Digitalisierung in der Lieferkette: Die Karten in der globalen Arbeitsteilung werden neu gemischt

Komponenten billig in Entwicklungsländern produzieren und in den Industrieländern in ein Gesamtprodukt einsetzen – hochtechnisierte Industrien, wie Automobilbau, Luftfahrt oder Chemie und Pharma funktionieren hierzulande oft so. Die Digitalisierung in der Lieferkette kann jedoch zu Brüchen dieser Arbeitsteilung führen. Das World Economic Forum macht sich darüber Sorgen und die Digitalisierung in der Lieferkette zu einem ihrer diesjährigen Themen.

Die zunehmende Interdependenz in der Lieferkette ist das Ergebnis von wirtschaftlichen Veränderungen, die sich in den letzten drei Jahrzehnten herausgebildet haben, darunter Prozess- und Produktspezialisierung, Outsourcing, Offshoring, Just-in-time-Produktion und verbraucherorientierte Produktion. Da die Design-, Produktions- und Vertriebsprozesse über eine Vielzahl von Unternehmen und Parteien verstreut sind, konkurrieren die Unternehmen nicht mehr isoliert, sondern über den gesamten Globus hinweg als Teilnehmer an miteinander verbundenen Lieferketten.

Diese Verbindungen funktionieren jedoch nur, wenn alle an einem Strang ziehen, das heißt, wenn alle Geschäftsprozesse miteinander abgestimmt sind und Qualitätsansprüche (und dazu gehört auch die Schnelligkeit des Transports) miteinander vergleichbar sind. Die „4. Industrielle Revolution“ (4IR) oder wie sie in Deutschland genannt wird, die „Industrie 4.0“, spricht jedoch eine andere „Sprache“ – nämlich die der Bits und Bytes. Eine Sprache, die die verlängerten Werkbänke in den Entwicklungs- und Schwellenländern oftmals nicht verstehen.

Das World Economic Forum präsentiert aus diesem Anlass eine Studie, die in Zusammenarbeit mit der „Inter-American Development Bank“ entstanden ist. Die Experten haben sich mit Managern und Entscheidern in den Industrien von entwickelten Ländern und denen in Lateinamerika und der Karibik zusammengesetzt und den Puls gefühlt.

Einer der Teilnehmer der Studie hebt die Bedeutung internationaler Logistik für das Funktionieren der Weltwirtschaft hervor: „Die Lieferkette ist ein strategischer Bestandteil unseres Geschäftsmodells. Dies verpflichtet uns, bei der Optimierung und damit bei der Betrachtung der 4IR-Transformation der Lieferkette die Besten zu sein“. Dabei hinken gerade kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) bei der 4IR-Transformation der Lieferketten hinterher. Die wichtigsten Schreckenszenarien für diese kleineren Unternehmen bei der digitalen Transformation sind:

  1. Ressourcenengpässe, wie der Mangel an internem Wissen und Humankapital sowie der begrenzte Zugang zu Finanzmitteln, und
  2. die begrenzte Verfügbarkeit von Technologien, da sich die Lösungen und Anwendungsfälle der Informationstechnologie (IT) in erster Linie auf die Bedürfnisse großer Hersteller konzentrieren.

Damit haben es KMUs insgesamt schon schwerer als ihre größeren Counterparts – unabhängig von der Region. Insgesamt sind KMU aufgrund der eher mangelnden Vertrautheit mit neuen Produktions- und Lieferkettenstandards weniger bereit, Investitionen in 4IR-Technologien zu tätigen. So ergab beispielsweise eine im Juni 2017 durchgeführte Umfrage unter US-amerikanischen KMU-Herstellern, dass 77% von ihnen gar keine Pläne hatten, intelligente Sensoren oder irgendeine Art von IoT-Technologie einzusetzen. 


Drei Faktoren bestimmen dabei die Geschwindigkeit bzw. Bereitschaft zur Digitalisierung der Logistik:

  1. Die Unternehmen, die Teil der globalen Lieferketten sind, sind in Bezug auf die 4IR-Transformation tendenziell weiter fortgeschritten als diejenigen, die sich auf rein nationale Märkte konzentrieren.
  2. Die Unternehmen, die selbst mehrere Schritte der Lieferkette im eigenen Unternehmen oder mit Hilfe von Tochtergesellschaften abbilden, sind in Bezug auf die 4IR-Transformation tendenziell ebenfalls weiter.
  3. Branchen unter hohem Konkurrenzdruck weisen eine höhere Wahrscheinlichkeit auf, eine 4IR-Transformation durchzuführen, um besser auf die Wettbewerbsdruck reagieren zu können. So bestimmen der in der jeweiligen Branche vorhandene Grad der Globalisierung, die Intensität vertikaler Integration und die Wettbewerbsintensität die Bereitschaft zur Digitalisierung in der Lieferkette.

Einige fortgeschrittene Länder konzentrieren sich darauf, die 4IR-Technologie in traditionell „niedertechnologischen“ Sektoren einzuführen. So modernisiert Deutschland beispielsweise die traditionellen verarbeitenden Industrien wie Textil, Stahl und Elektrogeräte-Industrie durch die Einführung von 4IR-Technologien (z. B. durch fortschrittliche Materialien/Verbundwerkstoffe, fortgeschrittene Zerspanung, Nanotechnologie, Robotersysteme usw.).

Deutschland gilt dabei als Musterland: Viele Bemühungen, die Wirtschaft zu digitalisieren, fußen auf den Erfahrungen in Deutschland. Dabei muss jedoch auch berücksichtigt werden, dass der industrielle Kontext eines jeden Landes unterschiedlich ist. So kann beispielsweise das Konzept des deutschen Mittelstands nicht ohne Weiteres auf andere KMU-Strukturen übertragen werden. Die Leiter der französischen „Alliance du Futur“ und der spanischen „Industria Conectada 4.0“ haben dies verstanden. Sie sehen, dass ein maßgeschneiderter Ansatz zur Förderung der Lieferkette 4.0 erforderlich ist, der auf die spezifischen Bedingungen vor Ort angepasst ist.

Die deutsche „Plattform Industrie 4.0″ gilt weltweit als ein Best-Practice-Beispiel dafür, wie öffentliche und private Akteure in die Zusammenarbeit eingebunden werden. Deutschland geht dabei je nach „Reifegrad“ im Hinblick auf die Digitalisierung in den unterschiedlichen Branchen individuell vor – von der einfachen Digitalisierung (Übernahme von Computern und deren Online-Verbindung) über die Datenerfassung, die Durchführung von Diagnosen in Echtzeit in der Fabrik, die Antizipation und Vorhersage von Nachfrageänderungen, der Wartung von Anlagen und anderen Betriebsvariablen bis hin zur Selbstoptimierung von Fabriken.

Lieferkette in Lateinamerika und der Karibik – am anderen Ende der Welt

Weil Lieferketten existieren, um globale Zusammenarbeit zu ermöglichen, untersucht das Weltwirtschaftsforum, inwiefern Regionen wie Lateinamerika und die Karibik in der Lage sind, die neu entwickelten Standards in den Industrieländern einzuhalten. Die schon jetzt existierende Fähigkeitslücke ist offensichtlich.

Die Branchen und Staaten sind dort mit folgenden Problemen konfrontiert:

  1. Niedrige Arbeitskosten, die mit den potenziellen Vorteilen der Einführung der 4IR-Technologie konkurrieren.
  2. Die begrenzte lokale Verfügbarkeit regionsspezifischer Technologie, die Unternehmen zwingt, im Ausland nach fortschrittlichen Lösungen zu suchen und diese zu erwerben, was zu höheren Kosten und niedrigeren Renditen führt (ROI).
  3. Eine Qualifikationslücke und ein Mangel an qualifizierten Arbeitskräften; nach Ansicht der Befragten sind Manager und Betriebsingenieure nicht ausreichend bereit und in der Lage, 4IR-Technologien und -Lösungen umzusetzen.
  4. Kultureller Widerstand durch die Angst vor Arbeitsplatzverlust und Arbeitslosigkeit.

Dies führt zu einem Investorendilemma: In den lateinamerikanischen Ländern ist es oft so, dass die innovativsten Unternehmen nach Branchenbenchmarks höhere Betriebskosten haben als weniger automatisierte Unternehmen. Vor diesem Hintergrund scheuen die Wettbewerber die 4IR-Transformation, ohne zu berücksichtigen, dass diese innovativen Unternehmen neue Maßstäbe in Konsistenz und Qualität setzen und die Grundlage für die nächste Evolutionsstufe in der Branche schaffen.

Probleme in der Karibik, die Industrieländer leiden darunter

All dies führt heute zu Problemen und Verzögerungen im Handel mit den Industrieländern und ihren großen Industriegruppen. Die Arbeitsgruppe des Weltwirtschaftsforums gibt ein Beispiel: Während der Zeitaufwand für die direkte Exportabwicklung in den Niederlanden bei etwa einer Stunde liegt, dauert das gleiche Verfahren in Kolumbien 60 Stunden, in Argentinien 30 und in Paraguay 24 Stunden. Zeit ist jedoch Geld und die Exportabwicklung nur ein Beispiel von vielen innerhalb der globalen Supply-Chain.

Die Staaten, deren Regierungen die Transformation der Lieferkette aktiv steuern und fördern, sind im Vorteil. Darüber gilt es, das Bewusstsein der Privatwirtschaft für die gestaltende Rolle der Politik zu stärken und die Relevanz von Regierungsinitiativen und staatlichen Fördermitteln hervorzuheben. Das alles wird jedoch in den nächsten Jahren nicht verhindern, dass einige Länder und Regionen von der Digitalisierung profitieren, während andere abgehängt werden. Billig produzieren reicht nicht mehr in einer Welt der Bits und Bytes. Das alles wird die Wertschöpfungsströme umlenken. Die Karten werden neu gemischt.

Das Whitepaper „Supply Chain 4.0 – Global Practices and Lessons Learned for Latin America and the Caribbean“ fasst die Ergebnisse des gemeinsamen Projektes der Inter-American Development Bank und des Weltwirtschaftsforums zusammen. Das Werk ist unter einer Creative Commons IGO 3.0 „Attribution-NonCommercial-ShareAlike“ (CC-IGO 3.0 BY-NC-SA) Lizenz lizenziert.

Den vollständigen Report finden Sie hier.