„Am Ende zahlt alles der Kunde“

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„Am Ende zahlt alles der Kunde“

Frachtdiebstahl ist ein zunehmendes Problem. Die IISW sprach mit Thorsten Neumann, Vorsitzender der Transported Asset Protection Association (TAPA).

Die TAPA hat sicher einen Überblick – wer, wenn nicht Sie! Wie lauten denn die aktuellen Zahlen und Erkenntnisse beim Frachtdiebstahl? Wie haben sich die alarmierenden Zahlen aus dem letzten Jahr entwickelt?

Genaue Zahlen? Ich wäre glücklich, die selber zu haben. Es ist eine große Herausforderung, diese zu kriegen. Problem Nummer 1: In Deutschland ist es insbesondere der Föderalimsus. Denn Frachtdiebstahl wird als gesondertes Delikt in der Bundeskriminalstatistik gar nicht aufgeführt. Dort gibt es nur die Gesamtkategorie „Diebstahl“. Problem Nummer 2: Viele Diebstähle werden gar nicht zur Anzeige gebracht. Logistiker und Firmen zahlen den Schaden lieber selbst. In der Versicherungswirtschaft gibt es den sogenannten Selbstbehalt. Jeder Unternehmer überlegt halt, ob er das an die Versicherung abgibt, mit der Konsequenz, dass in der Folge die Beiträge steigen oder das Geld lieber gleich aus der eigenen Kasse nimmt – so ein Selbstbehalt kann bis zu fünf Millionen betragen. Geld, das der Unternehmer dann aus seinem Betrieb rausnimmt. Nicht jeder Unternehmer kann sich eine Versicherung leisten. Aktuelle, verlässliche Zahlen hat daher niemand. Wir können nur feststellen, dass die Kriminalität in dem Bereich stark zunimmt.

Das Feld wird für Kriminelle immer interessanter. Nehmen Sie nur die letzte Woche: Dort geschah ein großer Diebstahl am Flughafen in Schiphol. Dabei wurden Smartphones im Wert von über 5 Millionen Euro entwendet. Die lagen auf einem einzelnen LKW. Das Diebesgut geht im Anschluss direkt auf Onlineplattformen wie eBay und Amazon über die Theke. Die Partnermodelle dieser Plattformen sind problematisch. Niemand schaut dahinter, wer hier agiert und wo die Ware tatsächlich herkommt. Hier lässt sich mit geringem Aufwand extrem viel Geld verdienen. Der eine Lkw von Schiphol bringt den Kriminellen bestimmt einen Reingewinn von mindestens 3 Millionen Euro. Vor sechs Jahren kursierte die Zahl, dass innerhalb der EU ein Schaden von circa 8,2 Milliarden Euro durch Frachtdiebstahl entstanden ist. Nun nehmen Sie nur mal den Preis eines iPhones aus dieser Zeit und vergleichen ihn mit einem heute aktuellen Modell. Solche Warenwerte, wie wir sie heute transportieren, die gab es noch nie.

Was tun Sie dagegen? So kann es ja nicht bleiben.

Wir werden demnächst mit den Niederlanden eine Vereinbarung treffen. Dort erstellt dann die TAPA für die Polizei die Statistik. Wir können mit dem Wissen unserer Mitglieder zum Beispiel die aktuellen Hotspots der Kriminalität melden. In zwei Wochen findet in Den Haag der Kick-off-Termin statt. Darüber hinaus arbeiten wir auch zum Beispiel mit dem LKA Sachsen-Anhalt bei der Schaffung einer neuen Gruppe „Cargo Crime“ zusammen. Die Polizei kann nur so gut sein, wie die Zusammenarbeit mit den Unternehmen es zulässt.

Was funktioniert bei dieser Zusammenarbeit in Deutschland nicht?

Das ist für mich als Deutscher und Vorsitzender der TAPA besonders frustrierend: Wir sind überall erfolgreicher als in Deutschland. Hier scheitert man an den üblichen politischen und administrativen Hürden. Der Föderalismus ist dabei ein riesiges Problem. Das BKA ist zwar grundsätzlich super, es greift aber erst bei länderübergreifender organisierter Kriminalität ein. Das müssen sie dann erst mal nachweisen, wenn ein Lkw abhanden kommt. Außerdem ist CargoCrime auch nicht, sagen wir mal, attraktiv genug für die Medien. Wenn in Berlin ein Banküberfall mit 40.000 erbeuteten Euros stattfindet, steht dies morgen bundesweit in allen Zeitungen. Auf einzelnen Lkws werden bis zu 110 Millionen Euro transportiert. Kommt so einer weg, steht das in Deutschland nicht in der Presse. Es fehlt also die allgemeine awareness. Dabei ist der volkswirtschaftliche Schaden immens.

Wer bezahlt eigentlich den Schaden?

Ob der Logistiker oder der Hersteller hier in die Haftung gehen, ist vertragsabhängig. Auch zwischen Versicherern und Logistikern geht es hin und her, je nachdem ob Fahrlässigkeit oder sogar grobe Fahrlässigkeit vorliegt. Gehen Sie aber fest davon aus, dass immer alles auf den Produktpreis draufgerechnet wird. Am Ende zahlt es also der Kunde. Jeder Hersteller kalkuliert mit Verlustquoten und schlägt eine Kriminalitätspauschale auf die Herstellungskosten. Wir hatten gerade intern das Thema der stark gestiegenen Verlustzahlen eines Automobilherstellers. Dann kostet der Neuwagen eben mehr, weil der Verkaufspreis der gestohlenen Fahrzeuge abfangen muss. Auch muss man zwischen dem direkten Schaden und den Folgeschäden unterscheiden. Wenn ein unmittelbarer Verlust von 1,3 Milliarden Euro durch gestohlene Güter entstanden ist, liegt der Gesamtschaden durch Lieferverzögerungen, neue logistische Aufwände, Sonderschichten etc. bei rund 2,5 Milliarden.

Wo wird weltweit am meisten geklaut und wo steht Deutschland im Ranking

Deutschland ist tatsächlich ein Paradies für Kriminelle. Zunächst sind wir ein großes Transitland innerhalb Europas. Viele Waren werde in den europäischen Häfen gelöscht und durch Deutschland zum Beispiel nach Osteuropa verbracht. In Europa wird es Dieben leicht gemacht. Kriminelle nutzen unsere Freizügigkeit rigoros aus. Während die Polizeibehörden an den Landes- oder Staatsgrenzen aufwändig an die Nachbarbehörde übergeben müssen, fährt der Kriminelle einfach ins andere Land und verkauft die Ware dann eben dort online. Deutschland ist außerdem hoch attraktiv, weil hier grundsätzlich sehr hochpreisige Güter transportiert werden. So ist Europa gleichzeitig hoch attraktiv und macht es der Organisierten Kriminalität besonders leicht – ein Paradies eben.

Was wird denn alles gestohlen? Gibt es besonders attraktive Waren für Kriminelle?

Es gibt kein Produkt, das nicht für Kriminelle von Interesse ist. Wer meint, die Diebe seien nur auf Handys und Computer aus, der irrt. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Parmesankäse. Da sind Sie schnell bei einem Frachtwert von 1,2 Millionen Euro pro Lkw. Parmesankäse hat keine Seriennummer, man kann ihn nicht tracken. Die Marge ist exorbitant. Oder nehmen sie Trockenfisch: in Norwegen produziert, in Italien konsumiert, europaweit transportiert. Ein attraktives Produkt, das Diebe extrem schnell wieder verkaufen können.

Die TAPA führt im Oktober eine Konferenz zur Sicherheit in der Pharma-Logistik durch. Das ist eine besonders sensible Produktkategorie. Lieferausfälle können das Leben von Patienten gefährden. Wie sieht es in diesem Bereich mit dem Frachtdiebstahl aus?

Hier habe ich persönlich vor acht Jahren das erste Mal auf einer solchen Konferenz gesprochen. Damals hörte ich dort: „Unsere Produkte werden nicht gestohlen.“ Das hat sich innerhalb kürzester Zeit dramatisch geändert. Die großen Onlineplattformen wie Alibaba, eBay und andere eröffnen hier neue Vertriebswege für Kriminelle. Gehen Sie mal auf diese Plattformen in Ländern wie Kanada oder Rumänien. Da finden Sie Angebote, die sie in Deutschland nicht finden werden. Das Internet hat den Markt extrem geändert – auch für die Arzneimittelhersteller. Inzwischen sind viele Pharmazeuten Mitglied bei TAPA. Die Firma Einer der größten Pharmahersteller der Welt, hatte vor einiger Zeit einen Riesenverlust in Miami zu verzeichnen. Der Warenwert lag bei 110 Millionen US-Dollar. Es handelte sich um ein kritisches Produkt mit besonderen Transportvoraussetzungen. Man startete hier eine Rückrufaktion, um Herr der Lage zu werden. Nur so konnte man überhaupt rückwärts tracken, um die Quelle der gestohlenen Ware ausfindig zu machen.

Hat die TAPA denn einen Ansatz, um Herr der Lage zu werden?

Wir machen schon sehr viel. Mit unseren mehr als 500 Mitgliedern setzen wir weltweit Sicherheitsstandards, die tatsächlich helfen, das Risiko zu minimieren. Wenn die Unternehmen diese Standards einführen, dann verringern sie ihre Verluste um mindestens 45 Prozent, teilweise in einzelnen Unternehmen um bis zu 70 Prozent. Vieles hängt schon an der Sensibilität, mit der die Menschen im Logistiksektor an die Ware herantreten. Den Leuten muss klar sein, dass sie nicht einfach nur eine Europalette anfassen, sondern da im Zweifelsfalle mehrere Million Euro auf der Gabel liegen. Die Denkweise in der Branche muss sich ändern. Dafür machen wir Schulungen. Um das Ganze zu verdeutlichen, zeigen wir zum Beispiel dann den Mitarbeitern Fotos von Häusern, die den Wert einer umgeschlagenen Palette verdeutlichen. Wir können durch solche Maßnahmen die Kriminalität zwar nicht verhindern, aber wir können sie minimieren. Da ist TAPA sehr erfolgreich in den letzten Jahren.

2018-09-03T15:00:41+00:003. September 2018|Logistik, News, Unkategorisiert|