Das Internet der Medizinischen Dinge

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Das Internet der Medizinischen Dinge

Das Internet of Things (IoT) verbindet Mensch und Maschine. Sprachgesteuerte Assistenten wie Amazons Alexa stehen inzwischen in vielen Haushalten. Auch die Medizinbranche rüstet auf. Sicherheitsprobleme sind jedoch noch nicht gelöst und werden zu wenig berücksichtigt.

Von Zeit zu Zeit kursieren amüsante Meldungen. Im letzten Jahr verstand Amazons Sprachassistent Alexa den Teil einer Fernsehsendung als Aufforderung zur Bestellung eines Puppenhauses. Da diese Sendung in vielen Haushalten mit diesem smarten Befehlsempfänger lief, orderte das System automatisch massenhaft eben dieses Puppenhaus. Diese Anekdote zeigt: komplett scheint die Technik noch nicht ausgereift zu sein. Sehr gut ausgereift – und aus diesem Grund auch in Deutschland verboten – ist eine Puppe namens Cayla. Sie wird von der Bundesnetzagentur als „getarnte sendefähige Anlage“ eingestuft, da sie sich nicht nur dafür eignet, mit Kindern Gespräche zu führen, sondern auch als Abhörgerät benutzt zu werden.

Die Deutschen scheinen über Alexa und Co. noch nicht begeistert zu sein. In einer Onlineumfrage des Magazins Stern, an der sich bislang über 32.000 Menschen beteiligt haben, urteilen 62 Prozent der Befragten: „Unheimlich, ich möchte nicht belauscht werden.“ Klar, dass diese Einstellung das Marktpotential neuer technischer Produkte infrage stellt. Die weit verbreitete Skepsis gegenüber technischen Neuerungen ist unter Deutschen verbreitet. Einer repräsentativen Umfrage von acatech (Deutsche Akademie der Technikwissenschaften e.V.) zusammen mit der Körber-Stiftung ergab, dass zwar 89 Prozent der Deutschen meinen, der technische Fortschritt lasse sich nicht aufhalten. Jedoch meint das nur eine Minderheit im positiven Sinne. Nur etwa ein Viertel glaubt, dass der technologische Wandel mehr Probleme löst als er schafft. Neue Produkte und Prozesse als Risiko? Andere Branchen wie der E-Commerce Sektor oder Online-Bezahlsysteme können ein Lied davon singen, wie Negativberichte in den Medien und vage Ängste bei den Konsumenten zu einem Ausweichverhalten führen. Milliarden gehen den Branchen alleine dadurch verloren, dass ein immer noch großer Anteil der Bevölkerung neue technische Möglichkeiten aus Angst vor Problemen dann doch lieber nicht nutzt.

Potenzial und Risiko des Internet of Medical Things (IoMT)

Im Zweifel also gegen den Angeklagten. Diese Einstellung kann lebensgefährlich sein, so zum Beispiel im Medizinsektor. Smarte medizinische Geräte haben zweifellos Vorteile. Das IoT erlebt aktuell auch hier einen Boom. Das Internet of Medical Things (IoMT) hatte 2017 einen Marktwert von rund 41 Milliarden US-Dollar und wird bis zum Jahr 2022 wohl auf einen Wert von 158 Milliarden US-Dollar anwachsen, so eine aktuelle Deloitte-Studie.

Die Vorteile liegen klar auf der Hand: Smarte Medizingeräte ermöglichen die permanente medizinische Überwachung von Patienten, auch aus der Ferne. Die Deloitte-Studie sieht die Zukunft rosig: „Die Gesundheits- und Life-Science-Industrie befindet sich im Übergang von reaktiven und weitgehend episodischen Versorgungsmodellen, die sich als zunehmend kostspielig und ineffizient erweisen, hin zu Versorgungsmodellen, die proaktiv und digital einsetzbar sind und einen besseren Nutzen für den Patienten bieten. Medtech-Unternehmen und das IoMT können die Möglichkeiten, die diese Veränderungen bieten, nutzen, um Patienten, Anbieter und Kostenträger miteinander zu verbinden und sie alle in die Lage zu versetzen, patientenzentrierter, produktiver und kostengünstiger zu werden.“

Und dieser Markt wächst in allen Bereichen. Die Zahl der internetfähigen Medizingeräte wird sich bis 2022, also in nur vier Jahren, etwa vervierfachen. Die Nutzung von Internetsystemen und Programmen im Medizinbereich wird sich insgesamt verfünffachen. Der IoMT-Markt wird innerhalb dieses Zeitraums in Europa und Russland von 12 auf 44 Milliarden US-Dollar wachsen. Dieser Optimismus ist verständlich. Der Anteil der Menschen mit einem Alter von 65+ wird sich weltweit bis zum Jahre 2050 verdoppeln und alte Menschen brauchen mehr medizinische Versorgung. Zudem verlagert sich die Anwendung insbesondere internetfähiger Produkte immer mehr in Richtung Vorsorge und Früherkennung. Schon heute sind Smartwatches im Trend, mit denen sowohl die Bewegung wie auch Herzrhythmus gemessen werden können.

Doch ob dieser Markt tatsächlich so stark wachsen wird, wie es die euphorischen Prognosen versprechen, bleibt abzuwarten. Sicherheitsbedenken sind ein großes Hemmnis, vor allem bei skeptischen älteren Menschen. Die Branche hat diesen Stolperstein zwar erkannt. Ob die Bedeutung tatsächlich richtig eingeschätzt wird, darf bezweifelt werden. So hat die European Union Agency for Network and Information Security (enisa) zwar im November 2017 „Baseline Security Recommendations for IoT“ herausgegeben. Diese sind jedoch, wie der Titel schon sagt, „grundsätzliche Empfehlungen“ und keine klar definierten, verbindlichen Anforderungen. Auch spielt das IoMT hier nur eine untergeordnete Rolle – zu groß und bislang ungelöst sind die grundsätzlichen Sicherheitsanforderungen an das IoT insgesamt.

Es bleibt zu wünschen, dass die öffentliche Diskussion darüber nun Fahrt aufnimmt. Denn auch wenn es pragmatisch gute Gründe für einen Einsatz von vernetzten Produkten gibt, möchte niemand gerne einen Herzschrittmacher besitzen, der von außen manipulierbar ist. Die Branche lässt hier teilweise noch die gebotene Sensibilität vermissen. Unlängst machten zwei Hacker Sicherheitsprobleme bei Herzschrittmachern öffentlich. Sie hatten ein Unternehmen auf eine Sicherheitslücke bei den von ihnen vertriebenen Herzschrittmachern aufmerksam gemacht. Fünfzehn Monate später war diese Lücke noch immer nicht geschlossen.

2018-09-18T16:02:17+00:0027. August 2018|Digitale Sicherheit, News|