Arzneimittelskandal in Brandenburg ist symptomatisch für kränkelndes System

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Arzneimittelskandal in Brandenburg ist symptomatisch für kränkelndes System

Der Skandal um gestohlene Krebsmedikamente in Brandenburg schwelt seit einer exklusiven Reportage des Magazins Kontraste Mitte Juli. Vor allem der Umgang mit dem Fall erhöht den Druck auf die dortige Landesregierung zunehmend. Er ist jedoch kein Einzelfall, sondern offenbart die grundsätzlichen Schwachstellen der Arzneimittelüberwachung in Deutschland.

Fast fünf Wochen sind seit dem Aufdecken des Handels mit gestohlenen und wohlmöglich unwirksamen Krebsmedikamenten der Firma Lunapharm aus Mahlow (Brandenburg, Landkreis Teltow-Fläming) ins Land gegangen. Das genaue Ausmaß ist noch immer unklar. Hochsensible Krebsmedikamente wurden in Griechenland gestohlen, in Koffern unsachgemäß über mehrere Länder transportiert und unter anderem auf einem Fischmarkt zwischengelagert. Besonders problematisch: Die Medikamente müssen zwischen 2-8 Grad Celsius gelagert werden, da sie sonst wohl ihre Wirkung verlieren. Eine Bedingung, die natürlich während eines transnationalen Koffertransports nicht gewährleistet sein kann. Weiter vertrieben wurden die Medikamente dann von Mahlow aus in die gesamte Bundesrepublik und die Niederlande. Das brandenburgische Gesundheitsministerium hat am 20. August mitgeteilt, dass nach Erkenntnissen der Behörden zwischen 2015 und 2017 insgesamt 4.651 Packungen auf diese Art beschafft und weiterverkauft wurden.

Recherchen des Tagesspiegel zufolge lagen den Behörden jedoch schon vor mehr als einem Jahr Hinweise zu illegalen Machenschaften vor, die jedoch ignoriert waren. Das brandenburgische Gesundheitsministerium spricht selbst von dem Verdacht und unzureichenden Möglichkeiten der Überwachung. Das Ärzteblatt zitierte im Juli Staatssekretärin Almuth Hartwig-Tiedt: „Wir können heute nicht sagen, ob die Medikamente gesundheitsgefährdend waren oder nicht.“ Die besonders sensiblen Medikamente hätten mit den Mitteln des Landeslabors Berlin-Brandenburg nicht ausreichend geprüft werden können.

Eine Landesgesundheitsbehörde, die Medikamente nicht auf ihre Wirksamkeit und Beschaffenheit untersuchen kann? Gut möglich, dass der Skandal aus der brandenburgischen Provinz daher bald bundesweite Aufmerksamkeit erfahren wird. Mangelnde Überwachung auf Grund fehlender personeller Kapazitäten oder technischer Möglichkeiten treffen schon seit Jahren auf immer wiederkehrende Arzneimittelskandale. Stetig kursieren Meldungen über gefälschte und/oder unwirksame Arzneimittel. Die Weltgesundheitsorganisation WHO geht von einer Fälschungsquote von global 15 Prozent aus – während in Afrika rund 50 Prozent der im Markt vorhandenen Medikamente als gefälscht gelten, sind es in Deutschland offiziell weniger als 1 Prozent. Wo jedoch keine ausreichende Kontrolle geschieht oder vertuscht wird, wie im Fall Lunapharm, dort sind auch die offiziell gehandelten Fälschungsquoten wenig glaubhaft.

Die Liste der immer wiederkehrenden Skandale ist lang. Eine Auswahl: 2008 rief das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) Heparin der Firma Rotexmedica zurück. Das aus China stammende Ausgangsmaterial war verunreinigt und führte in mindestens 80 Fällen zu allergischen Schocks bei Patienten. 2015 wurden in einer globalen Aktion der Zollbehörden knapp 21 Millionen Packungen gefälschter Arzneimittel beschlagnahmt. Vor einem Jahr warnte die Leitstelle Arzneimittelüberwachung Baden-Württemberg vor gefälschtem Valcyte. Jüngst machte der Blutdrucksenker Valsartan negative Schlagzeilen. Die europäische Arzneimittelüberwachung hätte hier bereits 2012 das Medikament auf mögliche Verunreinigungen untersuchen müssen. In den Jahren hatten allein 16 deutsche Firmen das Mittel aus dem einen Werk in China bezogen, dass in der Folge mit dem krebserregenden N-Nitrosodimethylamin verunreinigtes Valsartan produziert hatte. Allein in Deutschland waren bis zu 900.000 Patienten betroffen.

Wolf-Dieter Ludwig, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft erklärte gegenüber der Südwestpresse: „Die Beispiele zeigen, dass die Arzneimittelversorgung in Deutschland Schwachstellen aufweist. Wir werden diese Probleme nicht lösen, ohne die Überwachung und Qualitätskontrollen deutlich zu verbessern. Dies erfordert zusätzliche Investitionen in die zuständigen Behörden und das eingesetzte Personal. Die Rückverlagerung der Produktion von Arzneimitteln nach Deutschland beziehungsweise in die EU wäre wünschenswert. Ich glaube aber nicht, dass die Ressourcen hierfür in absehbarer Zeit zur Verfügung stehen.“

Im nächsten Jahr soll auch in Deutschland die Falsified Medicines Directive (FMD) gelten. Sie sieht ein lückenloses Transportsystem für Medikamente vor. Recherchen der IISW zufolge weigern sich insbesondere Krankenhausapotheken, das System zu übernehmen. Die vertriebenen Krebsmedikamente der Firma Lunapharm stammen aus einer solchen Krankenhausapotheke in Athen. Gesetze und Verordnungen bleiben weiterhin ohne Wirkung, wenn es an allen Ecken und Enden fehlt – kein Personal, keine technologischen Fähigkeiten und der unzureichende Wille von wichtigen Beteiligten, das System wasserdicht zu machen. Goldene Zeiten für Kriminelle, schlechte für Patienten – todsicher.

2018-08-24T09:44:50+00:0024. August 2018|Arzneimittelsicherheit, News|