Heraufziehende Handelskriege zwischen den USA, der Türkei und China kennen keinen lachenden Dritten in der Wirtschaft. Auch die deutsche und europäische Wirtschaft beginnt, unter den Sanktionen zu leiden. An einigen Stellen drohen bereits, wichtige Lieferketten zu reißen. Schmuggel und Produktpiraterie könnten kurzzeitig profitieren.

Während der Fußball-Weltmeisterschaft ging den Briten das Bier aus. Das lag weniger am warmen Wetter oder am Durst der Engländer. Es fehlte schlicht das Kohlendioxid. Gebraucht wird es bei der Produktion einer Vielzahl von Lebensmitteln. Beim Bier zaubert es eine Schaumkrone. Bei Lebensmitteln sorgt es für die so genannte Schutzatmosphäre. Der das Lebensmittel umgebende Sauerstoff wird in der geschlossenen Verpackung durch Kohlendioxid ersetzt und macht Frischware länger haltbar. Ohne Kohlendioxid reißt die logistische Kette, weil es beispielsweise Kochschinken und Hähnchenbrustfilets nicht rechtzeitig als Frischware zum Discounter in die Kühltheke schaffen. Und in den USA wird Kohlendioxid unter anderem bei der Ölproduktion eingesetzt – als Treibgas. Gleiches gilt für die Produktion von Feuerlöschern oder als Treibmittel in Deodorants etc. Fällt ein Produktbestandteil aus, entstehen unübersehbare negative Kettenreaktionen. Die Kehrseite einer ineinander verflochtenen Wirtschaft.

Kleine Schlüsselindustrien als „Zünglein an der Waage“

Industriell hergestelltes Kohlendioxid entsteht zusammen mit Ammoniak bei der Düngemittelproduktion. Diese Industrie hat ihre Saison jedoch im Winterhalbjahr. Im Sommer fahren die Unternehmen ihre Anlagen – auch aufgrund niedriger Marktpreise – nicht hoch, um Kohlendioxid zu produzieren. Es entsteht ein kurzfristiger Engpass. Kein grundlegendes Problem, aber eine Unwucht, die die eng getaktete Wirtschaft und das fein austarierte Geflecht aus Handelsbeziehungen und Preisen kurzzeitig durcheinanderbringt.

Das ist ein Beispiel, wie vergleichsweise kleine Industrien und Unternehmen große Auswirkungen auf die Wirtschaft und die Versorgung der Bevölkerung haben können. Welchen Einfluss kleine Unternehmen auf große haben können, zeigte unlängst der Fall bei Volkswagen. In 2016 stellte der bosnische Autozulieferer Prevent die Lieferung von Getriebeteilen an den Automobilkonzern ein. Grund waren Vertragsstreitigkeiten. Fortan standen die Produktionsanlagen bei VW still, denn ohne Getriebe kein fahrbereites Auto. Der Streit wurde beigelegt und inzwischen ist die Firma Prevent bei Volkswagen auch ausgelistet – die Monate bis zur neuen Lösung waren jedoch eine Geduldsprobe für Kunden und bedeuteten einen empfindlichen wirtschaftlichen Schaden für alle beteiligten Unternehmen.

Handelsstreitigkeiten bei Schlüsselprodukten besonders gefährlich

Wenn die USA mit der Türkei und China in eine neue Phase der Handelsstreitigkeiten eintreten, kann sich niemand darüber freuen. Joachim Lang, BDI-Hauptgeschäftsführer, verweist auf die enge wirtschaftliche Verflechtung zwischen Deutschland und der Türkei: „Das bilaterale Handelsvolumen liegt bei 37 Milliarden Euro, rund 1,6 Prozent des deutschen Handelsvolumens. Knapp zehn Prozent der türkischen Warenexporte 2017 hatten Deutschland zum Ziel. Für die Türkei ist Deutschland der wichtigste Handelspartner, bei deutschen Ausfuhren rangiert die Türkei unter den Zielländern auf Platz 16. Die Zahl deutscher Unternehmen bzw. türkischer Unternehmen mit deutscher Kapitalbeteiligung liegt bei mehr als 6.500.“ Doch das sind nur die allgemeinen wirtschaftlichen Nachteile. Eine Gefahr für die Versorgungssicherheit geht davon nicht unbedingt aus.

Die Beziehungen zwischen Ländern, ihren Industrien und die Abhängigkeit von Schlüsselprodukten und Rohstoffen ist derzeit in höchstem Maße fragil. Jede Störung hat Kollateralschäden zur Folge, die sich niemand wünscht, die aber (wie im Fall der USA) zurzeit provoziert werden. Wenn die Europäische Union zum Beispiel Zölle auf amerikanischen Schnaps oder Motorräder erhebt, hat dies eher symbolischen Charakter. Die USA agieren hier anders und gefährlicher: Die neu eingeführten US-Zölle auf chinesische Waren in Höhe von 25 Prozent treffen insbesondere Halbleiterprodukte. Diese sind essentiell für die Fertigung von Computerchips und anderen IT-Produkten. Die Halbleiterindustrie lässt entsprechend ihren globalen Verband (SEMI) dagegen kämpfen. „Obwohl SEMI die Bemühungen um einen besseren Schutz des wertvollen geistigen Eigentums nachdrücklich unterstützt, glauben wir, dass diese Zölle nicht dazu beitragen werden, die Bedenken der USA in Bezug auf Chinas Handelspraktiken auszuräumen. Stattdessen werden die Tarife den Unternehmen in der Halbleiter-Lieferkette schaden, indem sie die Geschäftskosten erhöhen, Unsicherheit schaffen und Innovationen ersticken.“ Das Lobbying hat wenig gefruchtet. Von der ursprünglichen Sanktionsliste wurden lediglich 20 Prozent der Produkte entfernt. Engpässe und Verteuerungen bei Computern? Der Schaden ist für die sich digitalisierende Weltwirtschaft unüberschaubar.

Schmuggel und Produktpiraterie als Ersatzwirtschaft

Wenn die reguläre Wirtschaft ins Straucheln gerät, ist sie jedoch nur kurzfristig aus dem Tritt – wie das Beispiel Volkswagen zeigt. Mittel- und langfristig pendeln sich die Verhältnisse wieder ein. Ist eine Produktkategorie Mangelware oder fällt ein Unternehmen oder Land wirtschaftlich aus, finden innovative Köpfe meist Ersatzprodukte. Diese können auf technischen Innovationen beruhen, indem ein Produkt durch ein anderes ersetzt wird oder sich neue Lieferketten entwickeln.

In der Übergangszeit kann jedoch ein dritter Akteur eine bislang wenig beachtete aber umso wichtigere Rolle spielen: die Organisierte Kriminalität. Schmuggel und Produktpiraterie blühen genau dann auf, wenn das Original – aus welchem Grund auch immer – nicht verfügbar ist. Ein Beispiel ist der Umgang mit den sogenannten „Seltenen Erden“ Anfang der 2000er Jahre. China besaß ein vermeintlich exklusives Reservoir an diesen für die Computerproduktion so wichtigen Erzen. Eine restriktive Handelspolitik trieb die Preise in ungeahnte Höhen. China verdiente prächtig. Gleichzeitig stieg jedoch auch der Schmuggel mit diesen Erzen rasant an. Hinzu kam, dass in der Folge die Forschungsanstrengungen anderer Länder dazu führten, dass man einerseits Ersatzstoffe für die Produktion entwickelte und andererseits weitere Erzvorkommen in anderen Teilen der Welt lokalisierte. Das wirtschaftliche Ungleichgewicht glich sich im Laufe der Zeit wieder aus. Bis es jedoch so weit war, vergingen Jahre. In der aktuellen Situation kommt zu den großen Unwägbarkeiten in Schlüsselindustrien verschärfend hinzu, dass protektionistische Tendenzen in den großen Wirtschaftsräumen eine Renaissance erleben. Eine Zeit also, in der abgesehen von der Organisierten Kriminalität alle leiden.