Wirtschaft wappnet sich gegen Produktpiraterie

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Wirtschaft wappnet sich gegen Produktpiraterie

Produktpiraterie ist ein florierendes Geschäft. Experten registrieren einen Anstieg von über 10.000 Prozent an Fälschungen innerhalb der letzten zwei Jahrzehnte. 7 Prozent des Welthandels entfallen heutzutage auf Fälschungen. Effiziente Gegenmaßnahmen gibt es bislang nicht. Doch die Wirtschaft reagiert.

Viele Unternehmen interessieren sich zunehmend für Systeme der Rückverfolgbarkeit. Einer Umfrage des Unternehmens Mettler-Toledo PCE zur Folge wollen zwar nur 39 Prozent, dass Serialisierungsstandards gesetzlich vorgeschrieben werden, gleichzeitig erwarten 62 Prozent der Unternehmen eben solche Anforderungen. Bislang haben schon knapp ein Drittel der Unternehmen eigene Tracking-Projekte in Planung oder haben diese bereits umgesetzt.

Ein Vertreter von Janssen Cosmetics, einem Teilnehmer der Studie, ist überzeugt: „Wer mit freiwilliger Serialisierung eine Vorreiterrolle in seinem Marktumfeld übernimmt, kann das sicherlich als Vorteil gegenüber den Wettbewerben für sich verbuchen.“ Denn eines gilt: Unabhängig von Gesetzen und Regulierungen sind es die Kunden, die branchenübergreifend sensibler werden, wenn es darum geht, den Ursprung von Waren nachvollziehen zu können.

Es gibt zwei Beispiele zur Nachverfolgung. Das erste Beispiel bezieht sich auf die Verwendung der sogenannten „geschützten Ursprungsbezeichnung“ und der „geschützten geografischen Angabe“, die in der Europäischen Union schon lange vorgeschrieben sind. Im Jahr 1992 wurde hierzu eine Rechtslücke geschlossen. Denn bis dahin fielen geografische Herkunftsbezeichnungen nicht unter das übliche Markenrecht und waren deshalb ungeschützt. Ein bekanntes Beispiel ist in diesem Zusammenhang das Lübecker Marzipan, das bis zu Beginn der 80er Jahre meist südlich von Hannover produziert wurde.

Das zweite Beispiel ist die Zertifizierung von Bioprodukten mit Gütesiegeln in der Lebensmittelbranche. Die Bioqualität ist meist nur dann belegbar, wenn die End- und beigemischten Vorprodukte lückenlos nachvollziehbar von bio-zertifizierten Produzenten stammen. Diese zwei Beispiele zeigen den Erfolg lückenloser Rückverfolgung von Produkten und wecken damit die Aufmerksamkeit vieler Unternehmen, die aus anderen Branchen stammen.

Zwei Probleme: Datenschutz und Datengewinnung

Die Unternehmensvertreter sorgen sich jedoch über Datengewinnung und Datenverarbeitung. Nachvollziehbarkeit entlang der gesamten Supply-Chain bedeutet zwangsläufig, dass entlang der gesamten Supply-Chain auch Daten erhoben werden können. Vom Trawler im Nordatlantik bis zur fertigen Fischsuppe in einem Supermarkt in Südtirol ist es ein langer Weg, auf dem alle Glieder der Produktions- und Lieferkette Daten melden müssen – das erfordert einheitliche Systeme. Dies stellt jedoch eine große Herausforderung dar, wie das Beispiel Gelatine verdeutlicht. Diese wird sowohl für Lebensmittel als auch für die Pharmazie bis hin zur Fotografie und dem Bau von Musikinstrumenten hergestellt. Die unterschiedlichen Branchen haben ganz spezifische Anforderungen an die Lieferkette. Wenn jede Branche eigene Standards für die Rückverfolgbarkeit entwickelt, sehen sich Gelatine-Produzenten einer Vielzahl von Daten und Standards gegenüber.

Ein weiteres Problem sind die weltweit unterschiedlichen Datenschutzanforderungen. Insbesondere zwischen den USA und der Europäischen Union gibt es große Unterschiede, die durch die neue Datenschutz-Grundverordnung, die ab 25. Mai 2018 Anwendung findet, nur scheinbar überwunden werden. Zwar werden die Sanktionen gegen Datenschutz-Verstöße diesseits und jenseits des Atlantiks angeglichen. Einheitliche Tatbestände, wann ein Unternehmen gegen Datenschutzauflagen verstößt, existieren jedoch nicht. Die verschiedenen Rechtsrahmen stellen Unternehmen, die in dem einen Markt produzieren und in dem anderen verkaufen sowie sämtliche Daten von Vorproduzenten, Logistikern und Kunden sammeln sollen, vor eine schwierige Aufgabe.

Aus diesem Grund kommt die Studie von Mettler-Toledo unter anderem zu folgendem Schluss: „Erfahrungen mit Serialisierungsprojekten rangieren unter den Befragten als Kriterium in der Wahl eines Projektpartners mit großem Abstand auf Platz 1. Hier punktet, wer auf erfolgreich realisierte Projekte in Branchen wie der Pharmaindustrie verweisen kann. Der zweite Blick gilt dem Software- und Hardware-Portfolio des potenziellen Partners. Global agierende Unternehmen legen zusätzlich Wert darauf, ob die bisherige Projekterfahrung auch weltweite Rollouts mit vielen Linien und Produktionsstätten beinhaltet.“

Die Pharmaindustrie ist für viele die naheliegende Wahl. Schließlich hat diese Branche gemäß der EU-Fälschungsrichtline 2011/62 Anforderungen umzusetzen, die gewährleisten, Produkte möglichst ohne Beimischung von gefälschter Ware in Apotheken zu bringen. Diese Variante ist jedoch nicht die beste Wahl, denn die Umsetzung dieser Richtlinie verläuft alles andere als reibungslos (die IISW berichtete).

Auch andere Branchen bieten Lösungen an, über die es sich nachzudenken lohnt. Das österreichische Aldi-Pendant, die Discounterkette Hofer, hat zum Beispiel vor zehn Jahren eine Produktlinie unter dem Motto „Zurück zum Ursprung“ eingeführt. Unter diesem Label werden Bioprodukte vertrieben, die volle Transparenz in die Produktions- und Lieferkette bringen – bis hin zum Erstproduzenten. Dieses Verfahren wurde seit einem Jahrzehnt am Markt erprobt, gilt als praktikabel und wird vom Endkunden akzeptiert. Darüber hinaus ist es ein wesentliches Kaufargument. Das Beispiel aus der Lebensmittelindustrie könnte daher auch für andere Wirtschaftszweige interessant sein. Zumindest die Erfahrungen anderer Branchen mit gängigen Track&Trace-Lösungen sollten immer mitberücksichtigt werden. Schließlich ist das Phänomen der Produktpiraterie ebenso branchenübergreifend.

Die Studie kann hier heruntergeladen werden

 

Hintergrund:

An der Umfrage nahmen 37 Unternehmen aus Deutschland (20), der Schweiz (7) und Nordamerika (9 USA, 1 Kanada) teil. Die Datenerhebung fand vom 1. Juli 2016 bis zum 31. März 2017 in Form von Vor-Ort-Interviews statt. Von den 37 Teilnehmern gaben 9 der befragten Unternehmen an, dass sie derzeit bereits durch gesetzliche Regelungen tangiert sind. Die Interviews erfolgten auf Geschäftsführungsebene oder alternativ mit Entscheidungsträgern in den Bereichen Prozessplanung, Qualitätssicherung, Produkt-, Marken- oder Supply-Chain-Management. An der Umfrage beteiligten sich Unternehmen der Agrar-, Chemie- und Lebensmittelindustrie, Markenartikelhersteller der Konsumgüterbranche und Third-Party-Dienstleister im Umfeld Verpackung und Logistik.