Wer kennt ihn nicht, den Ratschlag „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“. Doch stimmt das überhaupt für die Lebensmittelbranche und ist Kontrolle hier überhaupt möglich? Darüber diskutierten die Teilnehmer des 10. FoodSafety Kongresses in Berlin.

Die neue EU-Kontrollverordnung soll die grundsätzlichen Anforderungen an Lebensmittelkontrollen regeln. Durch Harmonisierung, Bündelung und Optimierung europäischer Rechtsvorschriften soll sie dazu beitragen, dass die Qualität amtlicher Kontrollen weiter verbessert wird. Ab dem 14. Dezember 2019 wird die Verordnung europaweit gelten. Wird also der Weihnachtsschmaus im nächsten Jahr ein besonders bekömmlicher, da die Lebensmittel von eindeutigen Quellen stammen und mit einwandfreien Zutaten versehen sind? Zweifel sind angebracht.

Denn die Logistikkette ist komplex. So komplex, dass sie kaum jemand durchschaut – nicht nur auf Grund des riesigen Marktvolumens. Rohstoffe und Zutaten werden weltweit beschafft und gehandelt, natürlich zu möglichst günstigen Preisen. So wird aus einer Pizza schnell ein „Weltprodukt“, wie Prof. Andreas Hensel, Präsident des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) feststellt. Die Zutaten kommen dann aus „aller Herren Länder“. Das Mehl, der Käse, die Tomatensauce, von Thunfisch oder Schinken ganz zu schweigen – alles wird auf dem Weltmarkt zu möglichst günstigen Preisen gehandelt, umgeladen, neu verpackt, neu verschifft. „Auf die Frage nach der Sicherheit können wir daher keine Antwort mehr geben“, so Hensel ehrlich. „Wir scheitern an der Komplexität und kennen die Ursprünge und Abläufe nicht mehr“, sagt der Chef des BfR. Er wünscht sich Arbeitserleichterungen, wie die allgemeine Einführung elektronischer Lieferscheine, versehen mit dem ein oder anderen Standardfeld. Das würde die Datenerfassung vereinfachen beziehungsweise erst möglich machen. Der Status quo ist derzeit unmöglich zu kontrollieren. „Man kann an die Auswertung solcher Dokumente keine Laien setzen, die Lieferscheine nicht durchblicken. Diese Hundertschaften an Fachleuten haben wir aber einfach nicht“, klagt er an.

Multikomplexe Lieferketten, das riesige Handelsvolumen und die global interagierende Wirtschaft – nationale Behörden sind technisch und kapazitär überfordert oder schlicht nicht zuständig.  Die Erfahrung kann Dr. Gerd Fricke, Abteilungsleiter Lebensmittelsicherheit des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL), bestätigen. Er ist schon zufrieden, dass man zur Bildung von sogenannten Schwerpunktstaatsanwaltschaften übergegangen ist, also „Einheiten“ der Strafverfolgung mit Rechtsexperten, die sich auf einem spezifischen Gebiet besonders gut auskennen und dieses Thema – Föderalismus hin oder her – bundesweit abdecken. So ist die Staatsanwaltschaft in Oldenburg für Agrarkriminalität zuständig. Doch dort arbeitet jedoch mitnichten die gesamte Staatsanwaltschaft an dem Thema. Es sind lediglich fünf ganze und eine halbe Stelle eingerichtet worden. „Wir müssen uns komplett neu aufstellen“, so Fricke selbstkritisch. Auch das Thema „Whistleblowing“ – in der EU-Kontrollverordnung ein wichtiges Element – ist schwierig in Deutschland. Das BVL hatte schon eine Möglichkeit auf der eigenen Homepage eingerichtet, unter der sich Mitwisser vertraulich hätten melden können. Einige Lebensmittelskandale sind erst durch den mutigen Einsatz und Meldung betriebsinterner Mitarbeiter an das Licht der Öffentlichkeit gelangt. Doch dieser Service ist wieder vom Netz genommen worden, da er rechtlich nicht ausgegoren ist. Die EU-Kontrollverordnung baut somit auf Elemente, für die in Deutschland kein Rechtsrahmen besteht.

Wenn es um Lebensmittelsicherheit geht, schauen die Behörden daher auf Produzenten und Händler. „Am Ende sei es eine Frage des Vertrauens“ ist mehrfach auf dem Kongress zu hören. Auch der für Lebensmittelsicherheit und Tiergesundheit zuständige Abteilungsleiter im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, Bernhard Kühnle stellt fest: „Basis der Lebensmittelsicherheit ist die Eigenkontrollen der Unternehmen.“ Auch Prof. Hensel bestätigt: „Die Sicherheit von Lebensmitteln wird hauptsächlich durch die Rückverfolgbarkeit definiert.“ Und wer sollte diese Art von Daten liefern, wenn nicht die Wirtschaft. Nur: Die Branche ist nicht nur groß, sondern auch heterogen. Standards im Bereich von Tracking und Tracing existieren nicht umfassend. Wenn einzelne kleine Züchter mit geringem Viehbestand gar keine Messinstrumente oder kompatible Erfassungsmöglichkeiten haben, dann gibt es eben auch keine Daten, die man zurückverfolgen könnte. Komplex wird es darüber hinaus, wenn verschiedene Produkte zusammen weiter verarbeitet werden, zum Beispiel der Thunfisch in das Öl kommt.

So werden Lebensmittel aus kleinen und vielschichtigen Quellen irgendwann als Bulkware global gehandelt und im Zielmarkt wieder in kleine Gebinde umkonfektioniert und weiterverarbeitet. Ein unübersichtliches System, dass sich die Organisierte Kriminalität tagtäglich zu Nutze macht und das auch besonders anfällig für Bioterrorismus ist. Hier geht es dann eben nicht nur um sensorische Ungenauigkeiten. In diesem System aus mangelhaften Checks & Balances entstehen Lebensmittelkrisen – ob beabsichtigt, kriminell herbeigeführt oder einfach nur durch Fehler. Der nächste Lebensmittelskandal ist vorprogrammiert. Kontrolle und vor allem stärkere Zusammenarbeit zwischen Behörden und Wirtschaft ist eine Frage der Volksgesundheit. Derzeit fehlt es noch an vielem. Der 14. Dezember 2019: Der Start neuer Gesetze und Verordnungen beginnt meist nicht auf optimalem Niveau. Sorgen bereitet jedoch, dass Europäische Union und Deutschland bei der Ernährung der Bevölkerung auf derartig niedrigem Level starten werden. Die Weisheit aus Kindertagen: „Mit Essen spielt man nicht!“ – bleibt zu hoffen, dass alle Akteure den Ernst der Lage erkannt haben.