„Mit Excel werden wir nicht weiterkommen“

Dass die Sicherheit in der Logistik zunehmend relevant für die Branche wird, ist ein Allgemeinplatz – branchenübergreifende und internationale Austauschforen gibt es jedoch nur wenige. Diese Lücke möchte die Initiative Innovationskraft für Sicherheit in der Wirtschaft (IISW) mit der Ausweitung ihrer Aktivitäten nach Österreich füllen. Am 20. November 2017 fand in Wien der erste Themenworkshop statt.

Mag. Alexander Klacska (WKÖ, rechts) eröffnet mit Werner Knausz (ARA AG, links) und Thomas Franke (IISW, mitte) den Workshop.

Zusammen mit der Bundessparte Transport und Logistik der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ), brachte die Initiative verschiedene Branchenvertreter an einen Tisch, um Erfahrungen auszutauschen und voneinander zu profitieren. Thematische Inputs lieferten der Chef der Altstoff Recycling Austria AG (ARA), Werner Knausz, und Prof. Dr. Sebastian Kummer von der Wirtschaftsuniversität Wien.

Sicherheit in der Logistik – mehr als nur Airbag und ABS

Nach der Begrüßung durch den Obmann der Sparte Transport und Logistik und Gastgeber, Herrn Mag. Alexander Klacska, führte IISW-Leiter Thomas Franke in das Thema ein und verwies auf die Probleme: „Lange galt in der Logistik alleine das Motto: hauptsache schnell und hauptsache billig“. Mittlerweile sei Sicherheit sei längst nicht mehr nur eine Frage von Airbags und ABS. In Zeiten zunehmenden Frachtraubs und Ladungsdiebstahl, gerate die Absicherung der Transport- und Lieferketten gegenüber Kriminellen in den Fokus der Unternehmen und wird zunehmend zum Qualitätsmerkmal. Dass darunter oftmals die Geschwindigkeit leidet, werde akzeptiert. Der immense Kostendruck in der Branche tue sein Übriges, so Franke

An den internationalen Transport- und Lieferketten sind heute oft zahlreiche unbekannte Akteure beteiligt und bilden global vernetzte „offene“ Systeme – ein Einfallstor für die Organisierte Kriminalität. Diese fühlt sich besonders dort wohl, wo unübersichtliche Strukturen und mangelnder Kontrolldruck existieren. Cargo Crime ist daher inzwischen eine Boombranche. Oft werden die Probleme in der Branche kleingeredet, weil Unternehmen Imageverluste fürchten. Das US-amerikanische Federal Bureau of Investigation (FBI) beziffert jedoch den Anstieg von Cargo Crime in 2015 auf 15 Prozent innerhalb eines Jahres. In Deutschland ist aktuell von einem jährlichen Schaden in Höhe von 1,2 Milliarden Euro auszugehen. Ungezählt sind dabei die Folgewirkungen durch Produktionsausfälle oder Schädigungen von Leib und Leben durch die Verwendung eingeschmuggelter Fake-Produkte.

Eine digitale Plattform für den Austausch von Transportdaten

Die ARA AG hat diesen Trend erkannt und entsprechend reagiert. Dies hat nicht nur eine erhöhte Sicherheit durch Rückverfolgbarkeit zur Folge, sondern vor allem auch eine höhere Effizienz. Werner Knausz präsentierte vor den interessierten Zuhörern das Projekt DiGiDO. Hierbei handelt es sich um eine neutrale Austauschplattform für Transportdaten. „DiGiDO ist eine branchenübergreifende Lösung, mit der wir die Zettelwirtschaft verdammen werden. Für uns von der ARA ist das nicht nur aufgrund unseres Geschäftsfeldes naheliegend, sondern auch aufgrund des internen Aufwandes: Allein bei uns fallen 700.000 Lieferscheine pro Jahr an. Das bindet riesige Ressourcen und beinhaltet unzählige Fehlerquellen“, stellte Knausz fest.

Die ARA AG will mit DiGiDO den Industriestandard der Zukunft zum digitalen Austausch von Transportdaten schaffen. Die Plattform kann den elektronischen Lieferschein und den vollelektrischen Begleitschein für gefährliche Abfälle und Gefahrengut umsetzen. Das Verfahren ist besonders deshalb interessant, weil Experten für die Zukunft davon ausgehen, dass sich durch neue Technologien – wie z. B. dem 3D-Druck – der Anteil des Schüttguts am Transportvolumen in der Logistik erhöhen wird. Hier können viele weitere Branchen von der Abfallwirtschaft lernen, die schon traditionell mit unklaren Deklarationen und Mengenangaben umzugehen gelernt hat.

„Mit Excel werden wir nicht weiterkommen“

 Prof. Sebastian Kummer dachte diese digitalen Ansätze aus der Perspektive eines Wissenschaftlers weiter. Seine Überzeugung: „Wenn wir Sicherheit in der Lieferkette erreichen wollen, müssen wir digitale Lösungen einsetzen. Die Digitalisierung kommt ohnehin – es stellt sich nur die Frage, ob wir sie konsequent zu unserem Vorteil nutzen.“ Kummer verwies auf das Problem in der derzeitigen Übergangsphase. An Ideen und Ansätzen mangelt es nicht, jedoch werden die derzeitigen Insellösungen der Branche in Gänze nicht weiterhelfen. Seiner Meinung nach werden sich komplexe und integrale Plattformen durchsetzen. „Wir brauchen dafür leistungsfähige Systemlösungen, die auch Big Data verarbeiten können. Mit Excel werden wir nicht weiterkommen“, so Kummer.

Der Wissenschaftler bestätigte dabei die Bedenken des Fachpublikums gegenüber neuen Technologien. Sie sind häufig noch nicht ausgereift, unhandlich in der Anwendung und anfällig für Hackerangriffe. „Die Häufigkeit der IT-Angriffe hat in den letzten Jahren tatsächlich ein riesiges Ausmaß angenommen. Ca. 10.000 Cyber-Fälle wurden allein in der österreichischen Kriminalitätsstatistik erfasst.“ Dabei ist der Trend zur Digitalisierung und zum Internet of Things (IoT) nicht aufzuhalten. Bis 2020 werden ca. 50 Milliarden Maschinen ihre Daten weltweit austauschen. Auch für die Logistik gilt deshalb: Je besser die Datenerfassung, desto größer wird die Gefahr des Missbrauchs.

Wir brauchen ein offenes regulatorisches System

Thomas Franke von der IISW plädierte daher für einen proaktiven Umgang mit dem Thema: „Digitalisierung lässt sich nicht aufhalten. Aber wir können sie mit Innovationen für uns nutzen und uns einen Vorsprung gegenüber der Organisierten Kriminalität verschaffen.“ Seiner Meinung nach ist dafür ein offenes regulatorisches System notwendig: „Aktuell sind gesetzliche Maßnahmen immer darauf ausgerichtet, den aktuellen Status quo der Sicherheit festzuschreiben. Wir brauchen aber Gesetze, die ein zukünftiges Softwareupdate zulassen“, so Franke. An diesem einheitlichen internationalen, aber „atmenden“ rechtlichen Rahmen zu arbeiten, dafür war dieser erste Themenworkshop in Wien eine gute Grundlage. Die IISW wird in den weiteren Schritten daran arbeiten, den Dialog zu verstetigen und mit weiteren Stakeholdern aus anderen Branchen weiterzuentwickeln.

 

Bild:  Bundessparte Transport und Verkehr der WKÖ

2017-11-27T15:55:42+00:00 27. November 2017|Lieferkettensicherheit, Logistik/Frühwarnung, News|