Für den US-amerikanischen Präsidenten sind die Zerstörungen in Puerto Rico „keine echte Katastrophe“. Doch es könnte sein, dass die Gesundheit von weit mehr Menschen betroffen ist – und das weltweit. Denn die Insel ist global gesehen eine der größten Produktionsstätten für Arzneimittel.

Donald Trump betonte kürzlich, mit Blick auf die relativ geringen Todeszahlen, dass Puerto Rico bei dem verheerenden Hurrikan Maria noch einmal mit einem „blauen Auge“ davongekommen sei. Er hat dabei nicht bedacht, welche Rolle die Insel im Gesundheitswesen einnimmt. Denn während Europäer die Insel vornehmlich als Urlaubsparadies kennen, ist das Eiland für die Pharmaindustrie einer der wesentlichen globalen Hotspots. Die Branche ist mit rund 18.000 Arbeitsplätzen und einem Steueraufkommen von mehr als drei Milliarden US-Dollar die größte der Insel. Mehr als 80 Fabriken machen den Standort zum fünftgrößten Produzenten von Arzneimitteln weltweit. Zwölf der Top-20 Unternehmen der Branche haben dort Niederlassungen. Sieben von den zehn weltweit am meisten vertriebenen Medikamenten werden in Puerto Rico produziert.

Einige große Life-Science Unternehmen bestätigten, dass ihre Fertigung teilweise stark eingeschränkt ist. Dabei wurde die Produktion eingestellt, um Mitarbeiter zu schützen und ihnen die Gelegenheit zu geben, sich und ihre Familien in Sicherheit zu bringen. Engpässe beim Umschlag in den Häfen sowie Stromausfälle verschärften die Situation. Doch insgesamt gibt man sich offiziell gelassen.

Welche konkreten Auswirkungen die Ausfälle auf die weltweite Versorgung mit Medikamenten haben, ist nach wie vor unklar, auch für die Behörden. Das Fachmagazin „Chemistry World“ beklagt die Informationspolitik der Branche: „Mit den wenigen Informationen, die man aus den Unternehmen herausbekommt, ist eine Einschätzung schwierig“, so Rebecca Trager in einem Artikel vom 6. Oktober 2017.

Ihre Kollegin, Katie Thomas von der New York Times, bestätigte gegenüber dem Sender NPR: „Die Unternehmen versuchen immer wieder, der Nachricht den bestmöglichen Spin zu geben. Sie sind im Prinzip Beruhigungspillen, die in Richtung von Investoren und Aktionären vergeben werden.“ Thomas betont dahingegen, dass die U.S. Food and Drug Administration (FDA) selbst ganze 40 Präparate von zehn Pharmafirmen auf die Beobachtungsliste gesetzt hat und deren Vorratsmengen im Markt überprüft.

Die FDA hebt die Bedeutung von Puerto Rico für die globale medizinische Versorgung hervor: „Auf der Insel werden viele wichtige Medikamente hergestellt. Wir sind sehr besorgt über Meldungen, nach denen es zu Produktionsausfällen bei lebensrettenden und lebenserhaltenden Arzneien gekommen ist.“

Die Naturkatastrophe auf Puerto Rico – sie wird sicher die Debatte in den Unternehmen über sichere Lieferketten und Produktionsstätten weiter forcieren. Ob Produktionsbedingungen im besten Sinne des Wortes „günstig“ sind, bemisst sich nicht mehr allein an steuerlichen Bedingungen und Lohnkosten. Einst war Puerto Rico begehrter Standort aufgrund der dort herrschenden niedrigen Steuern. Doch weitere Faktoren, wie sozioökonomische Bedingungen und herausfordernde Logistikprozesse geraten immer mehr in den Fokus. Klimatische Stabilität als Sicherheitsfaktor gehört mit dazu. Die Anzahl der Beschäftigten in der Pharmaindustrie auf Puerto Rico hat schon in den letzten zehn Jahren kontinuierlich abgenommen. Regelmäßige Naturkatastrophen werden diesen Trend weiter verschärfen.