Die Initiative Innovationskraft für Sicherheit in der Wirtschaft sprach mit Astrid-Karoline Lamm, Director Business Development Smart Monitoring & Logistics Solutions bei Bosch Service Solutions, über Lösungen gegen Frachtdiebstahl und weitere Herausforderungen an der Lieferkette.

 

IISW: Inwieweit hat das Thema Transportsicherheit im 21. Jahrhundert überhaupt noch Relevanz? Leben wir hier in Deutschland nicht bereits in einer sehr sicheren Gesellschaft, in der Frachtdiebstahl und Produktpiraterie kaum eine Rolle spielen?

Astrid-Karoline Lamm: Auch, wenn es sicherlich Regionen und Länder gibt, in denen höhere Kriminalitätsraten rund um die Logistik und Supply Chain zu verzeichnen sind, ist das Thema Frachtsicherheit und Diebstahlschutz auch hierzulande ein wichtiges Thema. Statistiken zufolge verlieren Unternehmen innerhalb der EU jährlich 8,2 Milliarden Euro durch den Diebstahl hochwertiger und risikoreicher Produkte auf dem Transportweg. In Deutschland wurden allein im Monat Mai sechs Frachtdiebstähle gemeldet, bei denen die Diebe teils Waren im Wert von mehreren 100.000 Euro erbeuten konnten. Auch Nachbarländer wie Belgien, Frankreich und Spanien bleiben nicht verschont. Im Visier haben die Diebe vor allem teure Elektronik, Ersatzteile oder Medikamente. Aber auch weniger wertvolle, dafür leicht weiter zu veräußernde Waren, z. B. Lebensmittel, können interessant sein. Fast immer haben wir es hierbei mit organisierter Kriminalität zu tun, bei der leider oft auch der Fahrer in Mitleidenschaft gezogen wird. Die meisten solcher Fälle passieren, während das Transportfahrzeug geparkt ist. Einmal mehr wird die Bedeutung sicherer Parkplätze deutlich, um Frachten, aber besonders auch Lkw-Fahrer vor kriminellen Übergriffen zu schützen.

IISW: Prävention ist der beste Schutz – doch standardisierte Schutzkonzepte lassen sich leicht überlisten. Wie unterstützt Bosch seine Kunden, um den branchenspezifisch ganz individuellen Herausforderungen zu begegnen?

Lamm: Jede Branche, ja sogar jedes Unternehmen hat in puncto Sicherheit der Supply Chain mit ganz unterschiedlichen Problemen zu kämpfen. Während es in der Automobilbranche neben dem Diebstahlschutz hauptsächlich um die Vermeidung von Produktionsausfällen in den eng getakteten Just-in-Time-Anliefersystemen geht, kämpft beispielsweise die Pharmabranche mit der Umsetzung öffentlicher Auflagen wie der sogenannten GDP-Richtlinie der EU, die einheitliche Standards zur Einhaltung der Kühlkette sensibler Medikamente fordert. Auch die Nachweispflichten über den ordnungsgemäßen Transport von Waren werden immer umfangreicher –  sowohl gegenüber Bestellkunden, als auch gegenüber Behörden oder Versicherungen.
Bosch hat sich darauf spezialisiert, für diese ganz verschiedenen Anforderungen jeweils die optimale Gesamtlösung zu finden. Diese besteht meist aus drei Komponenten: Sensorik, Software und Services. Dabei werden verschiedene bestehende Lösungen in eine individuelle Gesamtlösung integriert oder bei Bedarf weiterentwickelt.

IISW: Der Markt für Telematik boomt. Mittlerweile finden sich in Transportfahrzeugen bis zu 400 verschiedene Sensoren, die zur Auswertung wichtiger Transport- und Fahrzeugdaten genutzt werden können. Welche Rolle spielt das Internet der Dinge in diesem Zusammenhang?

Lamm: Im Zeitalter des Internets der Dinge entstehen neue Technologien in rasanter Geschwindigkeit. Durch die Einbindung von Sensortechnologie verbindet das Internet der Dinge Objekte untereinander. In Zeiten von Industrie 4.0 wird fast schon vorausgesetzt, dass Fahrzeuge ohne Ausfall funktionieren. Deshalb gewinnt u. a. die vorausschauende Wartung, basierend auf der tatsächlichen Laufleistung und Verschleißparametern immer mehr an Bedeutung. Neue, energiearme Funkstandards wie Bluetooth oder vermaschte Netzwerke erleichtern es uns heute außerdem, die durch Sensorik gewonnenen Daten in Echtzeit aus der Ferne verfügbar zu machen. Unsere cloudbasierte Tracking-Software empfängt Positions- und Zustandsdaten physischer Frachten und sendet im Falle ungewöhnlicher Vorkommnisse sofort Warnungen an unseren Kunden oder unsere Sicherheitsleitstelle. Insbesondere im sicherheitsrelevanten Bereich wie der Diebstahlprävention geht es ja oftmals um Minuten.

Kritische Situationen, wie z. B. die unerlaubte Öffnung von Türen oder Frachtbehältern, verdächtige Bewegungen innerhalb eines Trailers oder Abweichungen von vorgesehenen Routen, können wir aus der Ferne diagnostizieren und einschreiten, bevor es überhaupt zu Frachtverlusten kommen kann. Die permanente Zustandskontrolle für empfindliche Güter wie Pharmazeutika oder elektronische Bauteile ermöglicht es außerdem, Beschädigungen zu verhindern, die z. B. durch Unterbrechungen der Kühlkette oder durch Erschütterungen während des Transports und Umschlages entstehen können.

IISW: Mithilfe verbauter Telematiksysteme ist ein permanentes Live-Tracking möglich. Doch auch die intelligenteste Sensorik nützt nichts, wenn im Ernstfall niemand hinsieht. Ohne rechtzeitige Reaktion auf eine erkannte Störung ist ein effektives Einschreiten oft nicht mehr möglich. Wie stellen Sie sicher, dass ein rechtzeitig erkannter Diebstahl dennoch verhindert werden kann?

Lamm: Obwohl heute schon viele Daten in Echtzeit erfasst werden, werden doch gut 95 Prozent davon noch gar nicht genutzt. Der Erfolgsschlüssel liegt deshalb in erster Linie darin, die gewonnenen Rohdaten sinnvoll zu strukturieren, im Backend zu analysieren und wichtige Informationen automatisiert herauszufiltern. Ein nachgelagerter „Control Tower“, der alle logistischen und materialwirtschaftlichen Prozesse überwacht, wird hier zum entscheidenden Vorteil in puncto Sicherheit, denn ein Konzept ist letztlich immer nur so sicher wie der abgestimmte Maßnahmenkatalog, der im Ernstfall greift.
Mit unserem redundanten Bosch-Leitstellennetzwerk bieten wir unseren Kunden genau diesen Service im 24/7-Betrieb an. Auffällige Vorkommnisse werden dort sofort registriert, sodass unsere Mitarbeiter präventiv eingreifen oder bei akuter Bedrohungslage hilfeleistende Stellen, wie die Polizei, Rettungskräfte oder Sicherheitsdienste alarmieren und koordinieren können. Auf Wunsch organisieren wir sogar eine Fahrzeugbegleitung oder -bewachung vor Ort.
Erst vor Kurzem konnte unsere Leitstelle mithilfe vorab verbauter Sicherheitstechnik einen gestohlenen Trailer eines empfindlichen Rohproduktes im Wert von mehr als 100.000 Euro orten und so die unbeschadete Rückführung an den rechtmäßigen Eigentümer veranlassen.

IISW: Das Bosch-Lösungsportfolio bezieht den gesamten Lieferweg mit ein. Insbesondere im Straßentransport ist die Anbieterlandschaft aber sehr stark fragmentiert, und in eine Lieferung sind oft unterschiedliche Speditionen involviert. Wie sehr sind Ihre Systeme mit denen anderer Dienstleister kompatibel?

Lamm: Mit unserer offenen Cloud-Lösung sind wir schon heute in der Lage, über 600 unterschiedliche Telematiksysteme anzubinden. Zusätzlich verfügen wir über Zugänge zu den Telematikportaldaten großer Fahrzeug- oder Trailerhersteller.
Die Daten über Position, Fahrzeugzustand und Qualitätsparameter werden aber nicht nur an die Bosch-Sicherheitsleitstelle übermittelt, sondern auch an ein Login-basiertes Trackingportal. So kann der Kunde Fahrzeug- und Frachtdaten jederzeit auch selbst überprüfen und z. B. für die Sendungsverfolgung oder Flottenmanagement-Anwendungen nutzen. Auch eine Integration von Echtzeit-Transportinformationen zu den Materialstammdaten innerhalb der ERP-Systeme der Versender oder Empfänger ist programmierbar. Für ein einfaches Tracking oder ein Auslesen des Fahrtenschreibers, z. B. zur Auswertung von Lenk- und Ruhezeiten, stehen Apps zur Verfügung, inklusive Chat-Funktion für Gespräche zwischen Fahrer und Disponenten. So können Transporte unternehmensübergreifend, intermodal und international optimal geplant und abgesichert werden.

 IISW: Vielen Dank für das interessante Gespräch.

 

Über Bosch Service Solutions:

Bosch Service Solutions ist ein international führender Anbieter von Business Process Outsourcing für komplexe Geschäftsprozesse und Dienstleistungen. Auf Basis der neuesten Technologie und mit den Möglichkeiten des Internets der Dinge entwickelt der Bosch-Geschäftsbereich ganzheitliche und innovative Servicelösungen in den Bereichen Mobility, Monitoring und Customer Experience. Rund 8 000 Mitarbeiter an 27 Standorten weltweit betreuen nationale und internationale Kunden in mehr als 35 Sprachen, vorrangig aus der Automobil-, Reise- und Logistikbranche sowie IT und Kommunikationstechnik. Mehr Informationen unter www.boschservicesolutions.com