Die Initiative für Innovationskraft und Sicherheit in der Wirtschaft (IISW) hat Mitte Juni zusammen mit der Deutschen Post DHL Group und der Allianz für Sicherheit in der Wirtschaft Nordrhein-Westfalen zum Expertenworkshop in das DHL Innovation Center in Troisdorf geladen. Der Austausch über die Sicherheit in der Logistik brachte interessante Erkenntnisse.

„Lange Zeit galt in der Logistik die „Hauptsache schnell“-Mentalität. Die Entwicklungen der letzten Jahre zeigen jedoch, dass Geschwindigkeit nicht alles ist.“ Thomas Franke, Leiter der IISW, sprach damit zu Beginn des Workshops ein Thema an, mit dem sich einige in der Logistik – zumindest auf Seiten der Qualitätsanbieter – zunehmend beschäftigen. „Sicherheit wird ein zunehmender Faktor – eben weil die Unsicherheit in der Welt und auf dem Lieferweg immer mehr zunimmt.“

Eindrucksvoll belegen konnte das Ulf Venne, Manager des „Resilience360“-Teams innerhalb der Deutsche Post DHL Group. Das Tool registriert weltweit nahezu alle Sicherheitsrisiken für Lieferketten und das annähernd in Echtzeit – in der Regel schneller als alle öffentlichen Medien. Der Experte: „Die Zahlen sprechen für sich. Während über achtzig Prozent der Unternehmen regelmäßig Lieferkettenunterbrechungen registrieren, sind über neunzig Prozent von ihnen dennoch nicht darauf vorbereitet.“ Aber die Awareness dafür steigt: „Wir verzeichnen in unserem System rund 1.700 Vorfälle täglich. Die können unsere Kunden nach bestimmten Kriterien filtern, sodass die individuell wichtigen Ereignisse herausstechen und schnell reagiert werden kann“, berichtete Herr Venne weiter. Schnell reagieren zu können ist Trumpf – hier ist Geschwindigkeit dann eben doch wesentlich, zumindest wenn es um die Minimierung von Risiken geht.

Die beste Reaktion ist jedoch immer noch eine umfangreiche Vorsorge. Auch hier bietet der Markt inzwischen effektive Tools an, die Transparenz schaffen und damit die Sicherheit der Supply Chain entscheidend erhöhen können, wie Astrid-Karoline Lamm, Director Business Development bei Bosch Service Solutions, weiß. Sie sieht in der Digitalisierung eine große Chance für die Logistik. Während im Jahr 1997 lediglich sechs Millionen Geräte mit dem Internet verbunden waren, werden es im Jahr 2020 rund fünfzig Milliarden Gegenstände sein. Laut Astrid-Karoline Lamm könnten vor allem Pakete dazu gehören: „Wir können jedes Paket mit Sensorik ausstatten, die sich automatisch mit einem in den Transportfahrzeugen und Containern verbauten Daten-Gateway verbindet. Das stellt ein echtes Realtime-Tracking sicher. Wir wissen dann nicht nur, wann das Paket voraussichtlich beim Empfänger eintreffen wird, sondern wo exakt es sich in jedem Moment befindet. Manipulation, Verlust und Diebstahl werden dann nicht erst beim Kunden bemerkt, sondern sofort. Wir können rund um die Uhr innerhalb weniger Minuten reagieren und so einen entscheidenden Vorteil zur Schadenvermeidung oder spätestens bei der Strafverfolgung schaffen.“ (Die IISW berichtete über das Problem in dem Beitrag „Sicherheit in der Logistikkette: Die Branche kämpft mit strukturellen Problemen“.)

Frau Lamm listete eine ganze Reihe von Herausforderungen auf: Neben dem wachsenden Konkurrenz- und Kostendruck sind es auch zunehmend gesetzliche Erfordernisse für die Sicherheit und Integrität von Gütern während Transport und Lagerung. Die Digitalisierung der Warenströme scheint ein effizienter Ausweg zu sein – doch bis zur flächendeckenden Umsetzung ist der Weg noch weit. Aktuell werden noch 95 Prozent der von Sensoren produzierten Daten nicht genutzt. Der Datenschatz scheint noch nicht gehoben. Dabei ist eindeutig, dass Realtime-Tracking die Sicherheit in der Mobilität erhöht – für Fahrer, Fahrzeugflotten und die transportierten Güter. 

Mit den gegenwärtig häufigsten Tatbegehungsphänomenen beschäftigte sich in einem sehr praxisorientierten Vortrag Kai Simon, Senior Experte Counter Crime bei der Konzernsicherheit der Deutschen Post DHL Group. Wenn es darum geht, illegalen Zugriff auf Waren zu erhalten, legen Täter vom kleinen Gelegenheitsdieb bis hin zum zielgerichteten Auftragsdiebstahl eine erstaunliche Kreativität und Risikobereitschaft an den Tag. Hierbei werden alle sich bietenden Schwachstellen oder Ansatzpunkte verwendet: Ob Lieferadressen gefälscht, Fahrer genötigt oder Scheinfirmen genutzt werden – alle Varianten stellen Logistiker vor eine Vielzahl von Sicherheitsherausforderungen. Damit schlug die Vortragsreihe den Bogen zu einer praxisnahen Mischung aus technischer Absicherung, prozessualer Vernetzung, Prävention und Zusammenarbeit mit Strafverfolgungsbehörden, um dem sich stetig wandelnden Kriminalitätsrisiko Einhalt zu gebieten.

Den dringenden Handlungsbedarf machte Professor Arndt Sinn, Strafrechtler an der Universität Osnabrück und Mitglied im Beraterstab des aktuellen Europol-Sicherheitsberichts in seinem Beitrag deutlich. Laut Schätzungen der OECD hat die Organisierte Kriminalität einen Jahresumsatz von rund 870 Milliarden US-Dollar. Die beschlagnahmten Waren an den Grenzen des Schengen-Raumes haben sich in den letzten Jahren mehr als verzehnfacht. Doch dies ist nur die Spitze des Eisbergs. Geringer Kontroll- und Verfolgungsdruck machen Europa und insbesondere Deutschland zum Paradies für Verbrecher.

Logistik – in der Tat eine Gemengelage, bei der eins zum anderen kommt – ist ein Feld, bei dem die Probleme groß sind aber mithilfe von verstärkter Zusammenarbeit der Akteure auch gelöst werden könnten. Dialoge, wie der in Troisdorf, tragen zum Austausch bei. Die IISW bedankt sich ganz herzlich bei allen Beteiligten und Mit-Organisatoren, insbesondere der Deutsche Post DHL Group und der Allianz für Sicherheit in der Wirtschaft Nordrhein-Westfalen.

Die Veranstaltung war daher nicht das Ende, sondern der Beginn eines längeren Dialogs, den die IISW auch an anderen Orten und mit weiteren Kooperationspartnern in Deutschland und Österreich durchführen wird. Die Deutsche Post DHL Group wird schon am 21. September zur nächsten, größeren „Risk & Resilience Conference“ nach Troisdorf einladen. 180 Entscheider und Experten aus der Logistik und Risikomanager aus der ganzen Welt werden sich zum Thema Lieferkettensicherheit austauschen. Auch die IISW wird wieder vor Ort sein, unter anderem bei einer der Podiumsdiskussionen.