„Streik von Hafenarbeitern in Argentinien“, „Tropensturm in den USA“, „Cholera im Jemen“, „Internationaler Flughafen in Pakistan für einen Monat geschlossen“, „Brand beim Automobilzulieferer Schaeffler“, „Cyber-Attacke auf Honda-Fabrik in Japan“.

Dies sind nur einige wenige Meldungen aus der vergangenen Woche. Viele der Schlagzeilen sucht man in deutschen Medien vergebens – auch weil, die Ereignisse meist ohne spürbare Auswirkungen für die deutsche Bevölkerung bleiben. Für andere sind diese Informationen jedoch höchst relevant. Sie stammen von einem nicht öffentlich zugänglichen Nachrichtenportal, deren Herausgeber der größte Logistiker der Welt ist. Wer den Wochenbericht der Abteilung Resilience360 der Deutsche Post DHL Group liest, dem wird deutlich: Wertschöpfung und Logistik sind täglich tausenden von Gefahren und Störungen ausgesetzt. Und da in der globalen Weltwirtschaft alles mit allem zusammenhängt, berühren Ereignisse in der fernen Welt die Geschäftsprozesse deutscher Unternehmen oft unmittelbar. 

Die Deutsche Post DHL Group ist mit ihrem Risikomonitoring Vorreiter. Auf Basis ihrer schnellen Meldungen können Produktionsausfälle und Lieferschwierigkeiten von Herstellern und Logistikern vielfach ausgebügelt werden. Qualitätsanbieter in der Logistik müssen daher stets auf alles vorbereitet sein: Sinnvolle Bevorratung und flexible Lieferwege können helfen, so manchen Engpass und Ausfall zu umgehen, beziehungsweise zu minimieren.

Organisierte Kriminalität als wachsendes Problem

Zunehmende Probleme hat die Branche insgesamt auch mit der Organisierten Kriminalität. Während Naturereignisse und Produktionsausfälle schon immer zum Risiken in der Logistik dazu gehörten, stieg die Anzahl der Diebstähle in den letzten Jahren rasant. Hinzu kommt, dass dieser Trend nicht irgendwo auf der Welt boomt, sondern zunehmend in Deutschland und Europa. „Deutschland und Großbritannien sind in Europa die führenden Nationen im Transportdiebstahl“, berichtet Thorsten Neumann, Europachef der Transported Asset Protection Association (TAPA) gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Der Wert der Waren, die auf deutschen Straßen gestohlen werden, beziffert er auf 1,2 Milliarden Euro. Und da Logistik kein Selbstzweck ist, sind Produktionsausfälle, Ersatzbeschaffungen und Verzögerungen bei den Herstellern die zwangsläufige Folge. „Der wirkliche volkswirtschaftliche Schaden liegt fünf- bis achtmal so hoch“, so Neumann.

Doch warum gerade Deutschland? Gemeinhin gilt die Region nicht als ungeordnet und gefährlich. Doch einige Faktoren machen das Land zu einem Paradies für Organisierte Banden. Zunächst ist die gute konjunkturelle Lage zu nennen. Wo viel produziert und konsumiert wird, da wird auch viel transportiert. Die Im- und Exportquoten kennen seit Jahrzehnten nur eine Tendenz: steigend. Außerdem ist Deutschland wichtiges Transitland: Rotterdam, Antwerpen, Bremerhaven und Hamburg – die größten Seehäfen Europas liegen in Deutschland und seiner Nachbarschaft. Die Transporteure müssen ihre Waren über Deutschland auf die Strecke bringen, um ihre Bestimmungsorte zu erreichen. Die Verkehrsprognose des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur geht von einem Anstieg der sogenannten „Tonnenkilometer“ bis zum Jahre 2030 von 38 Prozent aus.

Die sichtbar vollen Autobahnen mit dem stetigen Strom an Lastkraftwagen mögen ein Ärgernis für Pkw-Fahrer sein, eine Einladung für Kriminelle sind sie deshalb noch nicht. Die Verlockung wartet abseits der Autobahn, wenn die gesetzmäßigen Lenk- und Ruhezeiten eingehalten werden. Die regelmäßige tägliche Ruhezeit eines Fahrers beträgt elf Stunden. Elf von 24 Stunden, die ein Lkw nicht fährt, sondern sich auf den Raststätten steht.

Jeder Lkw ist ein Werttransport

Grundsätzlich kann man davon ausgehen, dass jede Lkw-Ladung ein Werttransport ist. Schnell bemisst sich der Wert einer Ladung im sechsstelligen Eurobereich. – die schiere Menge ist der Grund. Und das bei vergleichsweise geringer Sicherung: Zumeist sind die Aufbauten nur mit den modernen und flexiblen Planen und Schiebeverdecken geschützt – eine Einladung für Diebe. Was bei Regen hilft, hält Kriminelle nicht auf. Sprichwörtlich bekannt sind die sogenannten „Planenschlitzer“. Dabei werden von der Seite die Planen mit einem Schnitt minimalinvasiv geöffnet, um mit Endoskopen auszuspionieren, ob sich ein Diebstahl lohnt. Aber selbst diese Mühen können sich die Diebe sparen. Auf öffentlich zugänglichen Onlineplattformen, den sogenannten Frachtbörsen, wetteifern Dienstleister um die nächste Fracht. Hier steht im Klartext, was wann wohin zu liefern ist. Ein Transport mit wertvollen Notebooks ist schnell ausfindig gemacht. Da müssen Diebe nur hinterherfahren und auf die nächste längere Rast des Fahrers warten.

Die Fahrer der Logistikunternehmen sind in der Regel machtlos. Sie nutzen die Zeit auf den Parkplätzen als Ruhezeit und minimieren den ständigen Lärm an diesen Orten zum Beispiel durch Ohrstöpsel. Es häufen sich auch Fälle, in denen die Fahrer mit Gas betäubt werden. Bevorzugt kommen die Diebe dabei in der Dunkelheit und nutzen die Anonymität auf den vollen Rastplätzen mit dem regelmäßigen Kommen und Gehen. Ob und inwieweit die Fahrer und Speditionen selbst Teil der Organisierten Kriminalität sind, lässt sich nur mutmaßen. Klar ist jedoch: Outsourcing und Kostendruck hat über die Jahre dazu geführt, dass Transportaufträge nicht nur sehr kurzfristig angenommen, sondern auch von unbekannten Sub-Sub-Dienstleistern wahrgenommen werden.

Das Lohnniveau der Fahrer, insbesondere vieler osteuropäischer Fahrer, steht oft im eklatanten Widerspruch zum Wert der transportierten Ware. Ideale Bedingungen für Organisierte Banden die mit Weitsicht und Geschick vorgehen. Ein Experte weiß zu berichten: „Planenschlitzer stellen für uns das geringste Übel dar. Da sehen wir wenigstens, wenn etwas abhandengekommen ist. Sorgen bereiten uns der verdeckte Diebstahl und das Austauschen gegen gefälschte Produkte auf der Strecke.“ Der Diebstahl wird dann – wenn überhaupt – erst beim Kunden bemerkt. Durch den versteckten Diebstahl und das Austauschen von Original-Teilen mit Produktfälschungen kommen gefälschte Waren in die legale Lieferkette. In der Endproduktion werden diese gefälschten Produkte dann mit verbaut. Die Originalteile landen einige Zeit später im Internet.

Der deutsche Föderalismus, aber auch die geteilten Zuständigkeiten zwischen den europäischen Staaten, erschweren die effiziente Strafverfolgung. Wird eine Fracht von Amsterdam nach Warschau transportiert, überschreitet sie zweimal die Staatsgrenze der Bundesrepublik und fünf Landesgrenzen innerhalb Deutschlands. Wird der Diebstahl einer Fracht erst in Warschau festgestellt, müssten theoretisch drei Staaten und fünf Bundesländer reibungslos in der Strafverfolgung zusammenarbeiten, um das Verbrechen entlang der Straße aufzuklären. Um dies zu gewährleisten wurde 1985 das Schengener Abkommen unterzeichnet. Zwanzig Jahre später folgte der Prümer Vertrag. Dieser soll die grenzüberschreitende Zusammenarbeit vereinfachen. Vierzehn EU-Staaten sind diesem Vertrag inzwischen beigetreten. Der CDU-Innenpolitiker und Vorsitzende des Parlamentarischen Kontrollgremiums im Deutschen Bundestag, Clemens Binninger, bezeichnet den Vertrag „als Paradebeispiel dafür, wie die Zusammenarbeit in Europa nicht funktionieren kann.“ Teilweise haben die beteiligten Staaten ihre Daten nur zögerlich und, wie im Falle Griechenlands und Italiens, bis zum vergangen Jahr nicht zur Verfügung gestellt. Anspruch und Realität klaffen wieder einmal auseinander.

Lösungen finden statt Probleme wälzen

Während also internationale Logistiker durchaus geübt darin sind, Kriege, Unruhen und Wetterkapriolen auf der Welt zu umschiffen, wird die Organisierte Kriminalität in Deutschland und Europa zum wachsenden Problem. Sie schadet der Wirtschaft und betroffene Bürgerinnen und Bürger direkt. Sie ist auch deshalb ein „heißes Eisen“, weil noch nicht adäquat reagiert wird. Die Logistikbranche kann zwar neue Handelsrouten festlegen, ist jedoch im Fall der Kriminalitätsbekämpfung auf die staatliche Unterstützung angewiesen. Personelle Engpässe bei den Polizeidienststellen, mangelnde internationale Zusammenarbeit und ein immenser Zeit- und Kostendruck in der Logistik – d. h. strukturelle Faktoren – tragen insgesamt zur derzeitigen Situation bei. Sie schaffen für die Organisierte Kriminalität viel Freiraum. Die Initiative für Innovationskraft und Sicherheit in der Wirtschaft wird sich in den kommenden Monaten verstärkt mit dem Thema auseinandersetzen. Ziel ist es, die Probleme aufzuzeigen und einen Austausch zu ermöglichen, bei der Politik, Wirtschaft und Strafverfolgungsbehörden gemeinsam Lösungen entwickeln können. Das Thema drängt – so wie die Lastkraftwagen auf deutschen Raststätten.